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Mythen und Sagen aus dem Fichtelgebirge

Diese Geschichten sind aus dem Buch "Geister, Ritter, Fabelwesen". Eine sagenhafte Reise durchs Fichtelgebirge von Harald und Willy Herrmann, erschienen im Heinrichs-Verlag ISBN 3-89889-055-4/ISBN 978-3-89889-055-7.

Von der Luisenburg

Der Schatz im tiefen Brunnen an der Kösseine

Der Bergrücken der Kösseine ist umgeben von dunklen, romantischen Fichtenwäldern. Am Westhang, inmitten eines Meeres von Granitblöcken, lag der tiefe Brunnen, der Abfluss eines Hochmoors. Über alle Steine dieser Gegend ragt der Edelmannsstein heraus. Bei diesem Stein sollen während der Kriegswirren im Hussitenkrieg die Reichen aus den umliegenden Gemeinden Schutz gesucht haben. Auch wird behauptet, sie hätten ihre wertvollen Güter, um sie vor den räuberischen Horden zu verbergen, im tiefen Brunnen versenkt.

Als schließlich die Zeiten wieder sicherer geworden waren, versuchten die Edelleute, ihre Schätze wieder zu heben, doch dies war nicht mehr möglich. Der Brunnen war so tief, dass man selbst mit langen Stangen keinen Grund finden konnte. Mittlerweile hatten die Zwerge des Fichtelgebirges den in Fässern verpackten Schatz in ihren Besitz genommen und zeigten ihn gelegentlich dem einen oder anderen Menschen, um diesen neugierig zu machen.

Ein Mann aus Ebnath sollte zu diesen Leuten gehören. Er war ein Mensch, der am helllichten Tag träumte, an Wichtelmänner und großartige Schätze glaubte. Eines Nachts hörte er eine zarte Stimme, die ihm zuflüsterte: „Steh’ auf, spanne deine Kühe ein und fahre fort.“

Unverzüglich erzählte er seiner Frau von dem Traum, die ihn jedoch als Spinner belächelte. Als er die Stimme in der darauf folgenden Nacht wieder hörte, erzählte er seinem Nachbarn von dem sonderbaren Begebnis.

Der Nachbar war bekannt für seine Kunde von unheimlichen Dingen. Schwarze Magie, das Austreiben von Dämonen sowie das Auffinden verborgener Schätze waren ihm nicht fremd und so gab er dem anderen, der als Träumer verrufen war, einen Rat: „Lege dich ruhigen Gewissens heute Abend in dein Bett“, riet er ihm. „Wenn die Stimme erneut kommt, dann klopfe an mein Fenster. Wir werden dann sofort einspannen und noch in der Nacht losfahren, um den Schatz zu suchen. Aber achte auf eines,“ sagte der Nachbar eindringlich, „niemand von uns beiden darf während des ganzen Vorhabens auch nur ein Sterbenswörtchen sagen. Nicht das geringste!“

Der Mann bestätigte, dass er alles verstanden hatte und begab sich zu Bett. In der Nacht hörte er die Stimme ein drittes Mal. Schnell ging er zu seinem Nachbarn, spannte die Kühe vor den Wagen und wenig später fuhren beide, ohne ein Wort zu reden, hinaus in den Wald. Wie von unsichtbarer Hand gelenkt, fanden die Kühe den Weg zum tiefen Brunnen. Unvermittelt blieben sie dort stehen.

Tatsächlich lagen neben dem Brunnen zwei Fässer, die so schwer waren, dass die Männer sie nicht mit normalen Kräften auf den Wagen heben konnten. Deshalb holten sie die beiden Riegel vom Fuhrwerk und beförderten das erste Fass damit auf die Ladefläche des Wagens. Da es noch nicht richtig lag, mussten sie noch einmal mit den Händen nachfassen, um es ordentlich zu platzieren. Wie er es gewohnt war, spuckte der eine in die Hände und rief „Hau ruck“.

In diesem Moment entglitt ihnen das Fass, rollte vom Wagen, stieß das zweite an und beide Fässer fielen in den tiefen Brunnen. Als die Fässer unten im Wasser aufschlugen, glaubten die beiden Männer, ein schadenfrohes Gelächter zu hören.

Verärgert über ihr Missgeschick und den entgangenen Schatz fuhren die beiden nach Hause. Oft waren sie später noch mit Hacke und Schaufel in der Nähe des tiefen Brunnens, immer in der Hoffnung, die beiden Fässer wieder zu finden, doch der Schatz bleib ihnen verwehrt.

 
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