Die tote Grenzsteinrückerin
Vor vielen Jahren ging eine Frau zusammen mit ihrem zwölfjährigen Sohn Hans von Neuwerk bei Warmensteinach nach Sophiental. Mit dem Kind hatte es eine besondere Bewandtnis: Der Junge war an einem goldenen Sonntag geboren und hatte deshalb die Fähigkeit, die Geister Verstorbener zu sehen.
Auf ihrem Weg nach Sophiental kamen Mutter und Sohn auch an der Schneiderswiese vorbei, die an den Staatswald grenzte. Mit einem Mal blieb das Kind stehen, deutete in Richtung Schneiderswiese und sagte zu seiner Mutter:
„Schau nur, dort drüben auf dem Grenzstein sitzt die verstorbene Schneidersjule. Wie zu Lebzeiten hat sie ihren Korb auf dem Buckel. Und jetzt läuft sie zum nächsten Grenzstein und setzt sich dort nieder.“
Es war ein heller, sonniger Tag und obwohl die Mutter in die angegebene Richtung schaute, konnte sie nichts Ungewöhnliches entdecken. Dennoch war die Frau von den Worten ihres Buben derart beunruhigt, dass sie die seltsame Geschichte später den Leuten in Sophiental erzählte.
Auf diese Weise erfuhr auch der Förster von dem sonderbaren Erlebnis des Jungen. Schon öfters hatte er von den Alten des Ortes schlimme Dinge von der Schneidersjule gehört. Diese soll zu Lebzeiten Grenzsteine an der Schneiderswiese versetzt haben, nur um ein paar Fichten mehr auf ihr Grundstück zu bekommen. Jetzt war der Förster hellhörig geworden. Das unheimliche Erlebnis des Buben und die Behauptungen der Alten, die Grenzen an der Schneiderswiese würden nicht stimmen, veranlassten den Forstmann, eine neue Vermessung des betroffenen Gebietes bei der Regierung zu beantragen.
Dem Antrag wurde stattgegeben und bei der Überprüfung der Grenzsteine stellte sich tatsächlich heraus, dass die Vermutungen der Sophientaler ihre Richtigkeit hatten.
Noch oft kam der kleine Hans an der Schneiderswiese vorbei, aber der Geist der alten Schneidersjule erschien ihm nie mehr wieder.