Die wohltätige Jungfrau vom Waldstein
Ein armer Schäfer hütete täglich die Herde seines Herren in der Nähe des Waldsteins. Jedes Mal um die Mittagszeit verließ ihn sein Hund und kehrte nach einiger Zeit, sichtlich satt und deshalb manchmal auch zu träge für seine Arbeit, zu ihm zurück.
Eines Tages wollte der Schäfer der Angelegenheit auf den Grund gehen und verfolgte das Tier durch die Felsen des Waldsteingipfels. Schließlich fand er den Hund in einer Höhle wieder. Dort stand eine ganz in Weiß gekleidete junge Frau, die den Schäferhund fütterte.
Als das Mädchen den Schafhirten bemerkte, verklärte sich ihr Blick und sie bat: „Bitte erlöse mich durch einen Kuss von dem bösen Fluch, der mich hier an diese Höhle kettet.“
Da das Mädchen von überirdischer Schönheit war, fiel es dem Schäfer nicht schwer, ihm den Wunsch zu erfüllen. Freudig nahm er sie in die Arme und erlöste sie durch einen intensiven Kuss von ihrem Bann.
Darauf hin nahm ihn die Jungfrau bei der Hand und führte ihn tiefer in die Höhle, bis zu einer Stelle, an der eine Truhe stand, die von einem schwarzen Hund bewacht wurde. Dann gab sie dem Schäfer eine eiserne Lilie in die Hand und sagte zu ihm: „Diese Blume ist der Schlüssel zu der Truhe. Er wird dir auch die Pforte des Waldsteins öffnen. Alle Tage darfst du drei Griffe in die Truhe tun, mehr nicht, sonst bleiben dir die Schätze für immer verschlossen. Und vor allem: Erzähle niemandem von unserer Begegnung.“ Mit einem sanftmütigen Lächeln verabschiedete sich das hübsche Mädchen und verschwand.
Darauf hin ging der Schäfer auf die Truhe zu. Der bedrohliche, schwarze Hund knurrte zwar furchterregend, dennoch zog er sich in eine Ecke zurück und gab den Weg zu der Truhe frei. Der Schäfer öffnete die Kiste und glaubte seinen Augen kaum, denn sie war gefüllt mit Goldstücken. Drei Hand voll und nicht mehr, so wie ihm die hübsche Frau geraten hatte, steckte er sich in die Taschen und verließ die Grotte.
Dies machte er von nun an alle Tage und bereits nach kurzer Zeit war der arme Schäfer so reich, dass er bei seinem Herrn kündigte und nach Sachsen ging, wo er glücklich und zufrieden lebte. Die eiserne Lilie, die ihm die Hübsche gegeben hatte, bewahrte er jedoch sorgfältig auf.
Eines Tages erzählte der ehemalige Schäfer nach einem fröhlichen Gelage im Wirtshaus leichtfertig von der Begebenheit auf dem Waldstein. Als er am nächsten Tag nach der Lilie sah, war diese verschwunden.